Jakobsweg – Tag 4

Jakobsweg – Tag 4

Tagesetappe: 39 Kilometer / Gesamtstrecke: 160 Kilometer

IMG_20150926_091704-1024x768Von den 39 Kilometern dieses Tages sind wir „nur“ 24 gelaufen. Ein neuer persönlicher Rekord für uns beide, allerdings etwas unfreiwillig, denn geplant waren eigentlich etwa 17 Kilometer.

Wir waren früh beim Frühstück und danach haben wir nicht großartig gebummelt, denn heute sollte es wieder etwas weiter zu Fuß gehen, als an den beiden Tagen davor. Der Jakobsweg führt hier weiter durch Schutzgebiete am Bassin d’Arcachon entlang. Die Strecke wollen wir uns nicht entgehen lassen und sind daher gut motiviert.
Beim auschecken treffen wir den Besitzer des Hotels „Residence l’Oceane“. Er fragt uns, ob wir den Jakobsweg laufen und begutachtet unsere Schuhe. Er gibt sein ok, und wir laufen los.
Eine Weile führt der Weg entlang der hübschen Promenade. Es ist gerade Ebbe und die Boote liegen auf dem Trockenen. Ein Stückchen laufen wir deshalb über den Sand, auch um nicht einen Umweg hinter einem Campingplatz gehen zu müssen. Danach kommen wir wieder an einem kleinen Hafen vorbei und der Weg schlängelt sich durch das nächste Dorf. In Lanton bekommen wir im Tourismusbüro wieder einen Stempel in unseren Pilgerpass. Beim Bäcker wird mit 5 Croissants die Grundlage für die nächsten Kilometer eingekauft.

IMG_20150926_125909-1024x768Anschließend geht es so langsam wieder in die Natur. Aber was für eine. Wüsste man nicht, dass es Frankreich ist, könnte man bei der Szenerie auch an eine Doku aus Afrika denken. Nur die Flamingos fehlen, ansonsten fliegen hier Schwärme von verschiedensten Vogelarten durch die Luft, oder versammeln sich im Wasser und in den Wattflächen. Aufzählen können wir sie nicht, dafür kennen wir uns nicht gut genug aus. Schwäne, Möwen, Haubentaucher und verschiedene Reiherarten erkennen wir immerhin.
Schnell kommen wir nicht voran, es gibt einfach zu viel schönes zu entdecken und zu beobachten. Die Zeit läuft gegen uns, also beschließen wir, nicht den großen Bogen durch das Schutzgebiet zu laufen, sondern einen Verbindungsweg zu nutzen und etwas abzukürzen. Auf der Karte ist der Weg eindeutig gekennzeichnet, als wir abbiegen wollen, stehen dort mitten im Vogelschutzgebiet Baumaschinen und es entstehen offenbar neue Entwässerungsgräben und Wege. Da darf der Absperrzaun natürlich nicht fehlen, damit niemandem etwas passiert. Wir stehen davor und überlegen. Es ist Sonntag und weit und breit kein Mensch. Ob wir da wohl drüber kommen?

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Wir sind im nächsten Städtchen und noch relativ fit. Der Wasservorrat wird bei ALDI aufgefüllt, danach gehen wir Richtung Ortsausgang weiter. Hier beginnt einer der bisher unangenehmsten Abschnitte. Wir verlassen den Jakobsweg, um in den nächsten Ort zu kommen. Es geht an einer stark befahrenen Landstraße, ohne Seitenstreifen oder Gehweg, entlang. Wir laufen durchs Gras, oder besser gesagt auf einem schrägen Acker. Der erste Kilometer geht noch ganz gut, der zweite zieht sich, der dritte ist schmerzhaft. Sabrina bekommt Probleme mit ihrem rechten Knie und bei mir meldet sich die rechte Achillessehne. Ich gebe zunächst noch nicht viel darauf und hoffe, dass es sich gibt, sobald wir wieder geraden Boden unter den Füssen haben.
Irgendwann haben wir den Acker hinter uns. Sabrinas Knie beruhigt sich wieder, meine Sehne leider nicht. Mit jedem Schritt wird es schlimmer. Aber wir haben es ja nicht mehr weit. Nur noch 2 Kilometer bis zum anvisierten Hotel. Trotzdem beschließen wir, dass wir die erstbeste Übernachtungsmöglichkeit nutzen. Am Ortsrand haben wir bereits ein Schild eines Hotels gesehen. Als wir dort ankommen, ist alles vernagelt. Sieht auch nicht so aus, als wenn es erst gestern dicht gemacht hätte. Aber was solls, weiter durch den Ort zum nächsten. Auch hier dasselbe: Geschlossen!
Scheint auch sonst nicht viel los zu sein in Biganos. Kaum Menschen auf den Strassen, nur viel Verkehr. Aber die Menschen halten nicht an. Die Autos rollen einfach nur hier durch, um woanders hin zu kommen.
Wir klammern uns an das Hotel auf der Karte und schleppen uns in Richtung Bahnhof. Dort angekommen hab ich die Schnauze voll. Bevor wir um die Ecke zum Eingang kommen, rufen uns schon ein paar Kerle mit Bierpulle und Pegel zu: Ferme! (Geschlossen)
Ich geh trotzdem weiter und frag sie, wo man hier einen Schlafplatz kriegen kann. Es soll nur noch ein geöffnetes Hotel in der Stadt geben und sie erklären uns freundlich den Weg. Wir gehen ein Stück weiter und bemühen dann erstmal das Smartphone, um danach zu suchen, bevor wir wieder 2 Kilometer laufen. Die Website ist schnell gefunden, doch die Rezeption bereits seit 17 Uhr geschlossen. An einem Samstag!
Also wieder zurück vom Bahnhof in Richtung Ortskern humpeln, dort haben wir eine Pizzeria gesehen. Noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben. Als wir dort ankommen, müssen wir noch etwas warten, die macht nämlich erst um 18 Uhr wieder auf.
Als der Besitzer den Laden aufschließt, bestellen wir was zu trinken und fragen ihn, ob er uns ein Taxi nach La Teste de Buch rufen könnte. Denn dort gibt es ein Hotel, von dem ich definitiv weiß, dass es geöffnet ist und die Rezeption bis spät abends besetzt sein müsste.
Er macht uns wenig Hoffnung, ruft aber trotzdem alle 7 Taxifahrer aus der Umgebung an. Die Fahrt wäre keine kurze gewesen, etwa 15 Kilometer, trotzdem wollen 6 Taxifahrer heute nicht mehr raus. Nur einer wäre noch gefahren, der ist aber gerade zu weit weg, als dass es sich für ihn lohnen würde.
Mittlerweile kommt die Besitzerin des Modegeschäfts von nebenan dazu (ist ja sonst auch nichts los hier) und diskutiert mit, was jetzt am besten zu machen ist. Sie empfiehlt uns den Zug nach La Teste de Buch, dort müssten noch Hotels geöffnet sein. Als wir sie nach dem Hotel Altica fragen, schwärmt sie. Also auf zum Bahnhof!
Es humpelt sich mittlerweile nicht mehr leicht. Der 22. Kilometer kurz vorm Bahnhof ist hart. Neben der Sehne blockiert jetzt immer mehr auch meine linke Hüfte. Ich beneide Sabrina, die immer noch ziemlich gut voran kommt. Sie motiviert mich. Wir laufen ausnahmsweise hintereinander, sie vorne weg, weil es mir dann leichter fällt, mich ranzuhängen und einen Fuß vor den nächsten zu setzen.
Endlich am Bahnhof bekommen wir schnell ein Ticket und warten auf den Zug. Er kommt pünktlich und die Fahrt geht schnell vorüber. Uns wäre insgeheim lieber gewesen, der Zug wäre langsamer gefahren. Also wieder raus und weiterlaufen.

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Immer weiter, immer weiter, Richtung Hotel Altica. Der 23. Kilometer auf den Füssen geht wieder etwas besser, beim 24. knicke ich komplett ein. Ich empfinde es als absolut frustrierend, wegen eines Gelenks und einer Sehne schlapp zu machen. Ich fühle mich ansonsten absolut fit, würde am liebsten losrennen, aber die Achillessehne macht einfach nicht mehr mit. Alle 200 Meter brauche ich eine Pause und so langsam wird es spät. Aber irgendwann kommt es dann endlich in Sicht. Wir sind kurz vor dem Hotel und es brennt Licht. Ich werde wieder schneller. Noch ein paar Meter und wir stehen davor. Die Tür ist offen, es ist jemand an der Rezeption. Sabrina fragt nach einem Doppelzimmer. Die Antwort ist niederschmetternd: Das Hotel ist komplett ausgebucht!
Die nette Dame empfiehlt uns ein Motel und erklärt wie wir dorthin kommen. Ich frage sie, ob sie so nett wäre, uns ein Taxi zu rufen. Aber ich glaube, sie hat gemerkt, wie schlecht es uns ging. Sie schaut uns an, dann holt sie einen dicken Ordner. Sieht aus wie Reservierungen. Sie blättert darin, dann wählt sie eine Nummer. Was genau gesprochen wurde, verstehen wir nicht aber Madame Duprey, die Chefin des Hotels, lächelt und fragt dann: „Mit Frühstück, oder ohne?“

Wir können es erst kaum glauben, aber ein paar Minuten später haben wir ein Zimmer im Hotel Altica.

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Wir sind sowas von glücklich. 24 Kilometer gelaufen und 15 Kilometer mit dem Zug gefahren.

Die Achillessehne ist leider nicht so glücklich darüber. Ziemlich geschwollen ist der ganze Bereich um die ansonsten dünnste Stelle. Da werden wir wohl morgen einen Tag Pause einlegen.

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