Jakobsweg – Tag 18

Tagesetappe: 53 Kilometer / Gesamtstrecke: 591 Kilometer

IMG_20151010_115823-1024x768Fahrräder wieder runter bugsieren, Stempel für den Pilgerpass abholen und los gehts. Heute wollen wir Bilbao erreichen.

Bevor wir Gernika verlassen, wird im örtlichen Supermarkt noch etwas Proviant gekauft, dann geht es los, prompt auf den verkehrten Weg, der bald im Matsch endet. Wir drehen um und finden die richtige Richtung. Über Hügel und Berge, durch Täler und Wälder schlängelt sich der Camino. Auch wenn es zeitweise wieder sehr steil ist, sind die Wege hier gut begehbar. Auf einigen Abschnitten ist der Weg zwar matschig, aber nicht so dass man versinkt.

Am späten Nachmittag kommen wir schließlich müde in Bilbao an. Es liegen einige steile Anstiege hinter uns und bei uns beiden machen die Achillessehnen Probleme, vermutlich vom vielen bergauf schieben. Aber die tollen Abfahrten und das schöne Wetter mit Temperaturen bis 29 Grad Celsius entschädigen dafür. Kurz vor Bilbao haben wir einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt und als wir schließlich dort ankommen, ist unser erstes Ziel eine große Decathlon Filiale. Wir brauchen neue Bremsbeläge und etwas Kleinkram. Nachdem wir alles eingekauft haben, machen wir uns auf die Suche nach einer Pension. Die Stadt ist mittlerweile sehr voll. Überall Gewusel und dichter Verkehr. Bei den ersten Adressen ist bereits alles belegt. Auch im Tourismusbüro macht man uns wenig Hoffnung. Wir suchen trotzdem weiter und klappern so gut wie alle Pensionen und die günstigen Hotels ab. Wir lernen ein neues spanisches Wort: Completo (Ausgebucht)
So langsam wird klar, hier in Bilbao werden wir heute kein Bett mehr finden. Morgen ist Sonntag und am Montag ein Feiertag, da ist die Stadt zum bersten mit Gästen gefüllt.
Wir entscheiden uns gegen 21 Uhr dazu, aus der Stadt raus und weiter nach Norden auf dem Camino zu fahren. Wir sind nicht die einzigen, die heute Nacht noch keinen Platz gefunden haben. Uns begegnen mehrere  Pilger, die fast verzweifelt einen Platz für die Nacht suchen.
Also schweren Herzens raus aus der Stadt, in der wir so gerne mal zwei Tage geblieben wären und weiter nach Norden. Kurz vor 22 Uhr kaufen wir noch einmal etwas Proviant, ziehen warme Sachen an und radeln nahe am Muskelkrampf weiter. Alles was wir unterwegs abklappern ist Completo und so langsam fangen wir an uns Parkbänke näher anzuschauen.
Wir sind nahe am Ende unserer Kräfte und es ist klar, dass wir heute nicht mehr weit kommen. Ein letztes Mal wollen wir in einer Taverne fragen, ob jemand etwas weiß. Der Laden ist gut besucht und schnell ist klar worum es geht. Man zeigt uns auf der Karte ein Hotel, bei dem noch eine Chance bestehen könnte. Wir bedanken und verabschieden uns auf baskisch, denn wir hatten gehört wie ein paar baskische Worte fielen.
Ein bisschen erstaunt blickt man uns nach und wir schieben unsere Räder mit etwas Hoffnung weiter, aber nicht lange. Etwa 5 Minuten später ruft jemand hinter uns und rennt auf uns zu. Er ist ganz schön aus der Puste. Es ist einer der Gäste aus der Taverne. Er hat im Hotel angerufen, aber auch dort gibt es keine Betten mehr. Seine Frau und ein weiteres Pärchen kommen bald dazu. Sie haben aber eine Idee. Nicht allzu weit von hier gibt es eine kleine abgelegene Pension und vielleicht hat man dort noch ein Zimmer frei. Da der Weg umständlich ist, wollen sie uns hinbringen. Wir gehen mit ihnen mit. Sabrina kann mittlerweile ein paar Brocken Spanisch und Pablos Frau einige Worte Englisch. Es reicht aus, um sich einigermaßen zu verständigen.
Der Weg führt durch Wohngebiete und dunkle Gegenden, über die Autobahnbrücke in einen kleinen Vorort von Sestao.
Am letzten Berg lässt sich Pablo nicht davon abbringen Sabrinas Fahrrad zu schieben. Wenige Minuten später sind wir da. Pablo klingelt um 23.30 Uhr an der Pension. Wir warten. Niemand öffnet. Er ruft die Telefonnummer auf dem Schild an und diskutiert kurz. Completo!
Drei ältere Damen, die gerade auf dem kleinen Dorfplatz sitzen, bekommen das mit und wollen helfen. Kurze Zeit später sind noch zwei Frauen dazu gekommen und die Gruppe um Pablo wird größer.
Mittlerweile zieht ein Treck von 11 Menschen lautstark durch die Nacht. Smartphones glühen und es wird telefoniert was das Zeug hält.
Pablo hat zwischenzeitlich an jedem Ohr ein Telefon!
Wir verstehen nur bruchstückhaft was Sache ist, aber alle sind bemüht uns einen Schlafplatz für die Nacht zu besorgen. Nach einer Weile wird es ruhiger, wir stehen wieder am Dorfplatz. Eine gedrückte Stimmung macht sich breit und wir entscheiden uns dazu weiter zu ziehen und wollen uns in einer ruhigen Ecke eine Parkbank suchen. Wir bedanken uns für die unglaublich warmherzige Hilfe und wollen gehen, um niemanden in Verlegenheit zu bringen, aber keine Chance. Pablo und die anderen lassen uns nicht. So geht das hier nicht! Ein Ass hat er noch im Ärmel. Im Dorf müsste noch eine Frau wach sein, die Englisch spricht. Jemand wird geschickt, um sie zu holen. Lange dauert es nicht, wir sind jetzt zu zwölft und verstehen nun auch was Sache ist. Es gibt weit und breit keine Pension, keine Herberge und kein Hotel mit freien Schlafplätzen mehr! Deshalb wird kurzerhand beschlossen, dass wir mit zum Gemeindehaus kommen. Es dauert nicht lange und wir sind da. Hier findet gerade ein Fest statt und jede Menge Leute sind da. Die Kinder spielen, es wird gegessen und getrunken. Man berät sich kurz, dann ist es entschieden. Die beiden Peregrinos aus Deutschland schlafen heute Nacht im Gemeindehaus!
Wir bekommen einen großen Raum für uns. Eigentlich ist es das Spielzimmer für die Kinder, heute Nacht dürfen wir unsere Isomatten hier ausbreiten. Man zeigt uns noch die Toiletten, gibt uns Decken, bietet uns Essen und Trinken an und entschuldigt sich dafür, dass die Musik noch eine Weile läuft, weil das Fest ja noch nicht zu Ende ist.
Als soweit alles klar ist, bekommen wir den Zentralschlüssel für das Haus! Wenn wir morgen früh los wollen, sollen wir hinter uns wieder abschliessen und den Schlüssel in den Briefkasten werfen.

Dann sind wir alleine. Zwischen jeder Menge Spielsachen in einem beheizten Raum mit allem was wir brauchen und einem Schlüssel in der Hand.
Obwohl wir todmüde sind, brauchen wir eine Weile um runterzukommen. Wir haben beide die Tränen in den Augen und können kaum realisieren was uns da gerade passiert ist.

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