Herz vs. Kopf

Eigentlich sollte hier jetzt ein Bericht über Nicos Woche auf Nomade kommen, denn in den letzten Tagen war er in Kilada, um vor Ort bereits einiges zu erledigen und erste Dinge auf dem Schiff für die Überführung vorzubereiten.
Doch schon am ersten Tag war der Inhalt unserer Gespräche nicht Nomade, sondern der „Nachbar“, wie wir ihn am Anfang genannt haben.
Zugegeben, sehr vertrauenserweckend sah er nicht aus, wie er da auf seiner alten Matratze auf dem Werftgelände gelegen hat, abgemagert und mit skeptischem Blick. Es ist ein Streuner, der sich dort seinen Schlafplatz gesucht hat, auf einer weggeworfenen Matte, in einem alten Bananaboot.
Als ich das erste mal von ihm gehört habe, dachte ich eher daran, dass es gefährlich sein könnte, wer weiß schon, wie so ein Straßenhund reagiert? Mitleid hatte ich allerdings mit ihm, dieses Leben hat er sich nicht ausgesucht.
Nico ist noch am ersten Abend so schwer verliebt, dass er mich fragt, was ich von ihm halte, ob er ihn mal füttern soll? Mein Herz sagt sofort „Ja!“, aber mein Verstand setzt sich noch durch und ich versuche ihn mit Argumenten aufzuhalten…nicht dass der Streuner sich an ihn gewöhnt, anhänglich wird und dann enttäuscht ist, wenn er dann doch wieder alleingelassen wird nach ein paar Tagen.
Insgeheim informiere ich mich allerdings schon, wie das denn so ist, einen ehemaligen Streuner aufzunehmen, der Papierkram der notwendig ist, Untersuchungen die gemacht werden müssen. Jede freie Minute nutze ich zum recherchieren.
Und immer wieder der Gedanke: Aber er ist so groß, und alles ist so plötzlich, können wir das wirklich?
Klar ist, er kann nicht in ein paar Tagen auf dem Rückflug mit nach Deutschland. Allein die Tollwutimpfung muss 3 Wochen vor der Einreise gemacht werden, einen Chip und einen Ausweis müsste er erst bekommen. Also doch die Idee aus dem Kopf schlagen, dachte ich erst. Aber einen Hund wollten wir ja sowieso wieder…nur nicht jetzt schon und eigentlich einen kleineren. Ein wildes Hin und Her, Gefühle und Argumente liefern sich eine Schlacht.
Wir denken darüber nach ihn aufzunehmen, wenn er im März noch dort zu finden ist, sobald Nico das nächste mal auf Nomade ist. Das hätte allerdings bedeutet, dass er bis dahin auf sich allein gestellt ist und das Risiko ist groß, dass er nicht mehr bis dahin durchhält, er war doch jetzt schon so dünn und der Winter ist noch längst nicht vorbei.
Dieser Hund lässt mich einfach nicht mehr los. In meinem Kopf gehe ich immer wieder die Möglichkeiten durch und im Internet suche ich nach Lösungen, doch es erscheint alles irgendwie nicht machbar.
Nico besorgt trotzdem schon mal Futter und der Streuner zeigt sich erstaunlich ruhig, zwar mit anfänglicher Skepsis, aber er gewinnt zusehends Vertrauen. Bei mir gewinnt immer mehr das Herz die Oberhand.

Jedes weitere Bild was ich sehe bestärkt mich darin weiter nach einer Lösung zu suchen.
Um dem Verstand nun die letzten Argumente zu nehmen, suche ich weiter im Internet, finde tatsächlich ganz in der Nähe von Kilada ein deutsches Paar, das sich um Straßenhunde kümmert und sehr aktiv im Tierschutz ist. Nach einem ersten Kontakt geht alles sehr schnell. Bei ihnen kann der Streuner zwar nicht unterkommen, denn sie sind selber bis an den Rand ihrer Kapazitäten ausgefüllt, aber sie kümmern sich, zusammen mit einer Tierschützerin hier aus Deutschland, um einen Platz in Griechenland für ihn, damit er dort bleiben kann, bis wir ihn mit an Bord nehmen können.
Puh, plötzlich war eine Lösung zum greifen nahe, nur wie sollte Nico, der zum ersten mal Kontakt zu einem Straßenhund hat, es schaffen ihn in den wenigen Tagen soweit an sich zu gewöhnen, dass er in einer Box, im Auto, über 200km weit zur Pflegestelle mitfährt? Das war die einzige Chance, die es gab, die Zeit war knapp und mehr konnte ich von hier aus nicht tun.
Es war nicht leicht, aber Nico ist es schließlich gelungen, den Hund an sich zu gewöhnen und er ist nun in Kapandriti, bei einer sehr guten Pflegestelle. Er ist jetzt kein Straßenhund mehr, sondern wartet darauf zu uns zu können.
Nach langem Überlegen haben wir uns für den Namen Filou entschieden, denn das ist er wirklich, ein kleiner Lausbub, der sich in unser Herz geschlichen hat und wir hoffen, dass er bald das Leben an Bord von Nomade mit uns kennenlernen kann. Bis dahin wird er in der Pflegestelle aufgepäppelt und ärztlich versorgt, bekommt die nötigen Papiere und muss leider noch etwas warten, bis wir ihn dort abholen können. Ich freue mich schon riesig darauf, ihn dann endlich kennenlernen zu können, denn ich kenne ihn bisher nur von Fotos und Videos, aber trotzdem habe ich ihn jetzt schon ins Herz geschlossen.

Merken

Dieser Beitrag wurde unter Hund an Bord, Logbuch, Vorbereitung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.