Wie zu Opas Zeiten

Zu Opas Zeiten gab es keine digitale Fotografie. Kein Schnappschuss, den man sofort betrachten konnte, wenn man einmal von Polaroids absieht. Keine schnelle Bildbearbeitung, kein Instagram das nach der digitalen Bilderflut gekräht hätte.
Zu Opas Zeiten hat man noch einen Film im Laden gekauft, in die Kamera gelegt und hatte, je nach Art der Kamera und des Films, zwischen 8 und 36 reguläre Chancen auf ein gutes Foto. Wenn der Film dann irgendwann belichtet war, hat man ihn zum Fotoladen gebracht, sein Kreuzchen meist bei 10×15 gesetzt und konnte ein paar Tage später sehen, was aus den Aufnahmen geworden ist.
Mein Opa hat nie eine Digitalkamera besessen. Bis zuletzt hat er mit einer Spiegelreflex fotografiert und sich vor jedem Druck auf den Auslöser genau überlegt, ob es sich überhaupt lohnt. Mein Opa war kein Fotograf, trotzdem hat er nicht selten gute Fotos gemacht. Hunderte oder Tausende Fotos, die in Alben und Kartons lagern und die Zeit überdauern. Kein Festplattencrash, kein Systemwechsel kann diesen Fotos etwas anhaben und wenn unsere Hütte nicht abfackelt, existieren diese Fotos sehr wahrscheinlich noch, wenn ich bereits Geschichte bin.

Die Kamera, die mein Opa zuletzt besessen hat, ist eine Canon EOS 5000. Für meinen Opa war diese SLR eine Art Revolution. Mitte der 90er war das Teil richtig gut. Heute bekommt man eine EOS 5000 für ein paar Euro in der Bucht hinterher geschmissen. Der materielle Wert ist also eher gering. Für mich ist sie dennoch Gold wert, denn ich habe sie von meinem Opa geerbt.
Mehr als 5 Jahre lag die EOS unbenutzt im Schrank. Ich hab sie so weggelegt, wie mein Opa sie zuletzt weggelegt hat und nicht mehr angerührt. Ab und zu mal betrachtet habe ich sie und dabei einen Kloß im Hals gehabt. Ein Erinnerungsstück an einen lieben Menschen eben.

Diesen Sommer, als ich für eine Weile wieder in Wesel war, habe ich mir mal wieder diese Kamera angeschaut, aber diesmal beschlossen, sie wenigstens noch einmal wieder richtig fit zu machen und einen der letzten Filme von Opa zu verschießen. Ich hab sie geputzt, den Griff überarbeitet und ihr eine neue Batterie spendiert. Dann einen Film eingelegt. Das letzte Mal, dass ich einen Film in eine Kamera gelegt habe ist etwa 10 Jahre her. Irgendwie cool, jetzt wieder mit so einem Kleinbildfilm zu hantieren. Aber was fotografiere ich nun damit? Muss sich ja auch lohnen! Und das ist der erste krasse Unterschied, der erst nach langer Abstinenz so richtig auffällt, wenn man jahrelang nicht mehr mit Film fotografiert hat. Jede Auslösung ist kostbar, der Vorrat stark begrenzt. Man macht sich also Gedanken, während man mit jeder Digicam nur so die Bilder durchrotzt und am Rechner später das Beste aussucht. Oder man schaut aufs Display.
Das Display, ja da gab es auch ein nettes Erlebnis, während meine Nichte gerade zu Besuch war. Sie war zu dem Zeitpunkt 6 Jahre alt, kennt also nur digitale Fotos. Aber neugierig war sie, was der Onkel da mit der alten Kamera hantiert. Also habe ich ihr erklärt, wie man früher Fotos gemacht hat und wie aufwändig das im Gegensatz zur Digitalfotografie war. Kurz darauf haben wir zusammen ein Foto gemacht und unmittelbar nach dem „Klick“ kam wie aus der Pistole geschossen ein: „Zeig mal!“ mit einem Blick auf die Gehäuserückseite.
„Da kann man ja wirklich nichts sehen, Nico!“
Nachdem der Film ein paar Tage später vom örtlichen Fotohändler entwickelt wurde, war die Spannung groß. Die ganze Familie wollte die Fotos sehen und alle waren irgendwie begeistert.
Grübeln…
Warum ist das so? Was fasziniert so am Film? Sind es die alten Kameras? Die Nostalgie? Oder ist da mehr dahinter?

Also den nächsten Film belichtet, zwischendurch viel gelesen, dann ein paar Tage später noch einen Film eingelegt. Diesmal in die reaktivierte Kamera meines Vaters, eine Canon AE-1 Programm, mit der ich als Kind selbst viel fotografiert habe.
Der große Flohmarkt auf dem Stadtfest in Wesel kam anschließend wie gelegen. An einem Stand lag eine sehr alte Zeiss Ikon Contaflex herum. Schlappe 7 Euro habe ich dafür genatzt. Äußerlich war sie in sehr gutem Zustand, aber die Mechanik war komplett fest gegammelt. Da hat vermutlich Jahrzehnte niemand mehr ein Foto mit gemacht. In den nächsten Wochen habe ich mir Pläne besorgt und mich Stück für Stück durch die Kamera gearbeitet. Die feinen Zahnrädchen, Hebelchen und Lamellen waren alle verharzt und blockiert. Ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten, aber am Ende habe ich alles wieder zusammen bekommen und die Contaflex lief wie eine neue. Alle Verschlusszeiten stimmten perfekt und die Ergebnisse des ersten Films haben mich ziemlich umgehauen.
Ich hatte bereits viel positives über Synchro Compur Verschlüsse und die Linsen der damaligen Zeit gelesen, aber dann live ein Foto zu sehen, das mit einer 60 Jahre alten Kamera aufgenommen wurde und so gut ist, das ein Laie es einem heutigen High End Gerät zuschreiben würde, ist schon irgendwie faszinierend.

Also weiter! Aber wohin? Was will ich eigentlich?
Erstmal weiter zurück in der Zeit, weiter lernen. Also habe ich mir die älteste Kamera geschnappt die ich in unserer Familie auftreiben konnte. Eine knapp 90 Jahre alte Zeiss Ikon Box Tengor, die mein Vater in den 1980er Jahren mal auf einem Schrottplatz in der ehemaligen DDR ausgegraben hat. Ziemlich vergammelt war das Ding, aber im Gegensatz zur Contaflex hatte ich die Box an einem Tag restauriert, so simpel ist das Teil.
Einen passenden Rollfilm zu besorgen war dann weniger simpel. Der Onlinehandel hat es mir allerdings leicht gemacht und so bin ich über die neue Produktvielfalt im Filmsektor gestolpert. Man, was es da heute für ein geiles Zeug gibt! Ich war fasziniert und erfreut, das analoge Fotografie nicht tot ist. Mittlerweile gibt es die ein oder andere Edelschmiede und Filme mit Auflösungsvermögen an die keine moderne DSLR auch nur annähernd heran kommt. Vom Tonwertumfang ganz zu schweigen. Ich schweife ab…

Also zurück zur Box Tengor. Fotografieren wie vor einem Jahrhundert war nun angesagt. 8 Auslösungen schafft die Kamera mit einem Rollfilm und man muss aufpassen, nicht versehentlich doppelt zu belichten. Passierte mir auch einmal.
Nachdem alle Aufnahmen im Kasten sind, wird der volle Film vorsichtig entnommen und ab damit zum Fotoladen. Mit diesem S/W Rollfilm im Mittelformat habe ich selbst den Fotohändler bei uns im Ort zum staunen gebracht! Immerhin habe ich in Wesel das Glück, dass es noch ein richtig gutes Fotogeschäft gibt. Aber diesen Schwarz/Weiß Rollfilm kann auch der Meister selbst nicht entwickeln.
Also ab damit zu Rossmann. Die schicken solche Filme an ein größeres Labor und schlappe 2 Monate später sind die Fotos auch „schon“ fertig. Ziemlich spannend. Dazu muss man sagen, das mit so einem Format heute einfach kaum noch jemand fotografiert und das Labor warten muss bis genügend Filme zusammen kommen, um die Maschine anzuwerfen.
Die Box Tengor war für mich auch nur ein netter Exkurs in wirklich antike Fototechnik. Die zu erwartende Bildqualität ist mir dann doch zu gering und die Kosten pro Foto sind ziemlich hoch.

Ich hatte mich in der Zwischenzeit ohnehin auf etwas ganz anderes festgelegt. Ich wollte eine Kamera haben, die aus der Hochzeit der Objektivherstellung stammt und ich wollte eine Kamera, die ohne Elektronik oder Elektrik auskommt. Ein rein mechanisches Gerät, ohne Belichtungsmesser. Kompakt sollte sie auch sein, damit ich sie gut auf Reisen mitnehmen kann. Nach viel Recherche habe ich mich für die Kodak Retina 1b Typ 018 entschieden und bei Ebay nach einer Weile ziemlich günstig eine ergattert.
Diese Retina wurde 1954 in Stuttgart gebaut. Der Synchro Compur Verschluss kam von der Fa. Friedrich Deckel aus München und die Linsen des 2,8er Objektivs von Schneider aus Kreuznach. Feinmechanik und Linsen in einer Qualität, die es heute fast nirgends mehr gibt. Damals hat so eine Retina in etwa so viel gekostet wie ein Angestellter in Deutschland im Schnitt im Monat verdient hat. Heute bekommt man solche Kameras bei Ebay fast hinterher geschmissen.

Meine Retina funktionierte von Anfang an. Den Synchro Compur Verschluss musste ich trotzdem zerlegen, weil nicht alle Zeiten wegen verharztem Öl sauber liefen. Nach ein paar Tagen hatte ich sie komplett restauriert und ein wenig nach meinen persönlichen Wünschen verändert.


Dann noch schnell einen 200er Fujifilm durchgejagt, einen Test am Stern gemacht und die Optik für extrem gut befunden. Gerade rechtzeitig, bevor mein Flug zurück zur Nomade ging, kamen ein paar Filme hier an.

Und deshalb texte ich euch gerade hier zu. Sozusagen als kleine Einführung und Erklärung, warum ich so manches Foto der letzten Reise mit Nomade erst in Kürze zeigen kann!

Und warum nun das Ganze? Warum nicht einfach weiterhin auf den Auslöser der Digitalen drücken?
Gar nicht so einfach zu erklären.
Ich werde natürlich auch weiterhin meine DSLR und die anderen Digitalen nutzen. Ich find die Dinger nach wie vor richtig Klasse und in vielen Situationen viel sinnvoller als eine analoge Kamera. Also, Nostalgie ist es bei mir eher nicht.
Vielmehr habe ich festgestellt, dass ich mit Film anders fotografiere als wenn ich Photonen mit einem CCD oder CMOS sammle.
Aber nicht nur, dass ich anders an die Sache heran gehe, die Fotos sind auch grundlegend anders und oft gefallen sie mir besser, selbst wenn ich das gleiche Foto Digital und Analog vor mir habe.
Qualitativ kommt ein digitaler Ausdruck meist nicht an einen analogen Abzug heran. Es gibt keine sichtbaren Pixel, egal wie hoch man vergößert. Klar, es wird unschärfer, aber das unregelmäßige Filmkorn gefällt mir manchmal besser als Kompressionsartefakte, Bildrauschen oder eben Pixel.
Irgendwie finde ich Film auch lebendiger. Die Fotos wirken auf mich echter. Mehr so, wie ich die Situation wirklich gesehen habe. Der bessere Dynamikumfang von Film spielt da sicherlich auch eine Rolle.

Digitalfotografie ist mir im Laufe der Zeit einfach zu inflationär geworden. Fotos werden nicht mehr wertgeschätzt, merke ich ja bei mir selbst. Instagram, Facebook, Festplatten und Speicherkarten voll mit Bildern. Aber mal ehrlich, das meiste davon ist Schrott! Ich denke, wir machen uns heute kaum noch Gedanken übers Foto selbst und nicht selten geht der ganze Schrott bei einem Systemwechsel, Absturz oder sonst was verloren. Das Gefühl dafür, was sich lohnt zu fotografieren, geht auch verloren. Und am Ende haben wir vielleicht eine Generation, die weniger gute Erinnerungsfotos hat, als zu Opas Zeiten, weil in 20 Jahren keiner mehr weiß wo das coole Foto, welches man gestern in der WhatsApp-Gruppe gepostet hat, hin ist!

Ein guter Grund, eine kleine Beitragsserie zu starten und die Reise mit Nomade, chemisch fotografiert, noch einmal Revue passieren zu lassen, wie ich finde.

Gebt mir etwas Zeit zum scannen…

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