Jakobsweg – Tag 17

Tagesetappe: 49 Kilometer / Gesamtstrecke: 538 Kilometer

IMG_20151009_120423-1024x76849 Kilometer, die uns mal wieder an die Grenze bringen. Als wir abends in Gernika ankommen, liegt eine unheimlich schöne aber auch unheimlich schwierige Strecke hinter uns. Muskeln brennen, Sehnen und Gelenke schmerzen.

Wir entfernen uns im Laufe des Tages immer weiter von der Küste und sind nun etwas tiefer im kantabrischen Gebirge, mittlerweile in Wolfsgebiet. Mit viel Glück kann man sie hier heulen hören und manchmal auch sehen, die iberischen Wölfe. Etwa 2.500 Tiere gibt es an der Nordküste in den Bergen. Es ist die größte Population wilder Wölfe in Europa. Aber wir haben kein Glück. Obwohl wir den ganzen Tag allein auf dem Camino durch die Wälder wandern ist es still um uns herum. Die Wölfe haben uns wahrscheinlich schon längst bemerkt, wir sie leider nicht.

In Gernika wollen wir schließlich in einer Herberge übernachten. Der Empfang ist freundlich, aber merkwürdig. Unsere Rucksäcke, Schuhe und Taschen müssen in einen Abstellraum, Schließfächer gibt es nicht, nur die wichtigsten Dinge dürfen in Plastiktüten mit aufs Zimmer. Wir verstehen mehr schlecht als recht warum das Ganze. Es soll wohl aus hygienischen Gründen sein. Ein anderer Pilger ist nicht gerade begeistert und mit einem Ohr hören wir das Wort „bugs“, geben allerdings noch nicht viel darauf, denn wir haben zunächst ein anderes Problem. Sabrina hat wieder einen platten Reifen. Diesmal das Hinterrad. Nachdem der Plattfuß repariert, die Räder sauber und die Ketten geschmiert sind, holen wir uns unsere Dusche ab.
Aus Hafenduschen sind wir ja schon viel gewohnt, aber diese Herberge toppt einiges und das in der Nebensaison…
Wir sind trotzdem erstmal froh über den Schlafplatz und ziehen nochmal zu Fuß los um etwas zu Essen. In einer kleinen Kneipe essen wir den besten Hamburger unseres Lebens und schlendern spät abends mit guter Laune zurück zur Herberge.

Kurz vor dem schlafen gehen sieht Sabrina sie zuerst. Eine Bettwanze! Ein überaus kräftiges Exemplar. Gut genährt und äusserst flink krabbelt sie übers Kopfkissen. In meinem Kopf fügt sich binnen Sekunden ein Gesamtbild zusammen. Die dreckigen Ecken, Blutflecken auf den Kissen und an den Wänden, die Aktion mit den Plastiktüten und das Wort „bugs“. Wir sind in einer verwanzten Bettenburg gelandet und es ist die ganze Zeit hell im Zimmer. Normalerweise kommen Bettwanzen erst im Dunkeln aus ihren Verstecken gekrabbelt, um sich an Menschenblut zu laben. Hier in unserem Zimmer finden wir in kürzester Zeit ein Dutzend Exemplare!
Wir brauchen nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen, sammeln schnell alle Sachen ein, schütteln unsere Klamotten nochmal aus, stopfen sie in die Tüten und treten den geordneten Rückzug an, denn mit Bettwanzen ist im Gegensatz zu manch anderem Getier nicht zu spaßen. Die Biester übertragen einige Krankheiten und können für ernste gesundheitliche Probleme sorgen.
Also packen wir unsere Taschen, machen die Räder startklar, ziehen uns warm an und stellen uns auf eine lange Nacht im Freien ein.

Es ist bereits nach 23 Uhr, als wir einen Zettel an der Rezeption hinterlassen und der Herberge den Rücken kehren. Die 36€ für die Nacht werten wir als Lehrgeld und machen uns auf die Suche nach einer Pension oder einem Hotel in Gernika. Die erste Stelle ist bereits komplett belegt, aber wir bekommen einen Tipp und radeln weiter. Auch an der zweiten Pension ist alles voll und wir sind nicht die einzigen, die noch durch die Stadt irren und eine Schlafgelegenheit suchen.
Als eine Streife neben uns hält, frage ich die Polizisten, ob sie uns helfen können. Sie geben uns eine Beschreibung zu einer etwas versteckten Pension in der Innenstadt. Wir sollen in der Taverne Gernika fragen. Dort angekommen kommt uns bereits eine ältere Dame entgegen und weiß was wir wollen. Wir sollen kurz warten, denn in der Taverne ist gerade Hochbetrieb. Nach einigen Minuten kommt eine junge zierliche Frau auf uns zu und winkt mit dem Schlüssel. Wir gehen gemeinsam rüber zur Pension. Es geht alles unheimlich schnell, die Frau ist ziemlich gestresst, aber freundlich und hilfsbereit. Die Fahrräder sollen durch das schmale Treppenhaus in den ersten Stock, erklärt sie uns lautstark. Noch während Sabrina vorsichtig versucht, um die erste Ecke die Stufen hochzukommen (unsere Räder waren noch mit den schweren Packtaschen beladen) hat die Pensionsbesitzerin bereits das Vorderrad gepackt und wuchtet es hoch und um die Ecke. Ich komme kaum hinterher, aber irgendwann sind wir oben und in einem winzigen Raum mit einem kleinen Bett. Dort rein sollen wir und die Räder. Wenn die Taschen ab wären, könnte man eventuell beide und uns hochkant dort rein bekommen. Bewegen wäre dann nicht mehr möglich. Ich winke ab und quetsche mich rückwärts wieder raus. Dann zeigt sie uns ein anderes Zimmer. Groß genug für die Fahrräder und uns. Ein Doppelbett, Bad und alles was man braucht. 30€ soll die Nacht in der gepflegten Pension kosten. Wir zahlen sofort und alle sind zufrieden.

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