Roadtrip zum Rand der Arktis – Teil 2

Vorwort

Sieben Monate liegen zwischen diesem und dem letzten Artikel. Ich glaube, so viel Zeit ist bisher noch nie zwischen zwei Beiträgen vergangen.
Kurz nachdem wir von unserem Roadtrip nach Norwegen zurückgekehrt waren, gab es in unserem engsten Familienkreis in kurzen Abständen zwei schwere Krankheitsfälle, die uns ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Die letzten Monate waren deshalb geprägt von vielen Veränderungen. Zeit wurde kostbar und wenn ab und zu ein wenig „Freizeit“ möglich war und ich mich motivieren konnte, dann habe ich in vielen kleinen Etappen weiter am Trabant gearbeitet und wenigstens dieses Projekt abgeschlossen. Der Trabant wurde erfolgreich beim TÜV geprüft und zur Zeit warte ich nur noch auf die Ausarbeitung des Gutachtens. An Bord der Morgenstern ist praktisch alles liegen geblieben. Mehr als alle zwei Wochen einen Rundgang durchs Schiff machen und die Leinen kontrollieren war nicht drin.
Mittlerweile haben wir uns an die neue Situation gewöhnt, vieles ist Routine geworden. Zeit ist allerdings nach wie vor knapp.
Sonnensegler.net ist also nicht aufgegeben, es gibt nur gerade einfach Wichtigeres!


Morgens auf dem Campingplatz.

Obwohl die Reise in den Hohen Norden bereits über ein halbes Jahr zurückliegt, die Erinnerungen sind noch frisch genug.
Wir haben auf dem Campingplatz in Mittelschweden gut in unserem Microcamper geschlafen, mussten uns aber am frühen Morgen doch ein wenig zum Rauskrabbeln zwingen. Die Temperatur lag bei knapp unter 0°C. Das fühlt sich ziemlich kalt an, wenn man direkt aus dem warmen Schlafsack in so eine Umgebung raus muss. Aber gut, wir haben uns das ja so ausgesucht.
Also, alles schnell erledigt, den Schlafwagen wieder zum Fahrwagen umgebaut, geduscht, gefrühstückt und dann wieder ab auf die E45. Weiter nach Norden!

Filou fragt: „Muss ich wirklich da raus?“

Mit jeder Pause wurde es kälter, der Schnee am Straßenrand höher und die Natur atemberaubender. Abschnittsweise sieht man bis zum Horizont kein Haus, keinen Strommast und keine anderen Autos. Am späten Vormittag haben wir die Grenze nach Lappland überquert und hatten die Straße meistens für uns allein. Nach jeder Abzweigung waren weniger Autos unterwegs.
Am Nachmittag lag schließlich der Polarkreis querab. 66° 33′ 55″ geografische Breite erreicht! Fühlte sich extrem gut an!
Eigentlich wollten wir hier Aufkleber für den Subaru kaufen, aber da haben wir uns völlig verkalkuliert. Das „Arctic Circle Cafe“ ist im Winter geschlossen und hier oben ist im April eben noch tiefster Winter.
In der halben Stunde, die wir am Denkmal verbracht haben, sind nur zwei oder drei Autos an uns vorbeigefahren. Verständlich, dass man da alles dicht macht.
Dafür hatten wir diesen Ort für uns allein und konnten die Atmosphäre und die Stille genießen.

Pause am Polarkreis!

 

Nach einer warmen Suppe auf dem Campingkocher ging die Fahrt weiter. Wir hatten noch etliche Kilometer auf der E45 vor uns und vor allem ich war hochmotiviert, an diesem Abend noch Kiruna zu erreichen. Sabrina hatte sich durch meine Schwärmerei von Kiruna im Laufe der Vorbereitungen ebenfalls vom „Kirunafieber“ anstecken lassen.
Die meisten dürften das nicht nachvollziehen können und ich habe dafür vollstes Verständnis. Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens. Sie ist nur deshalb hier gegründet worden, weil es in der Gegend Eisenerz in rauen Mengen gibt. Sie ist also eine klassische Bergarbeiterstadt, mit etwa 17.000 Einwohnern und geprägt vom langen, kalten Winter und den harten Lebensbedingungen. Für Touristen gibt es nur wenige Attraktionen, es sei denn man ist ein Space Nerd und Astronomie Freak. Dann ist Kiruna in etwa das, was für Modefreaks Paris ist, oder für Zocker Las Vegas!
Kiruna ist einer von wenigen Orten, von denen ich hin und wieder mal seit langer Zeit geträumt habe. Gleichzeitg war es der Ort, von dem ich gedacht habe: „Da kommst du nie im Leben hin.“

Auf der E45 nach Norden. Ein Traum von Strasse!

Immer weiter nach Norden…

Felgenkunst

Ein Subaru in Lappland.

Vor fast 20 Jahren, als es eine Phase hoher Polarlichtaktivität gab und man hin und wieder auch in Deutschland Polarlichter fotografieren konnte, da war das Magnetometer in Kiruna mein bester Freund. Oft habe ich die Website des schwedischen Instituts für Weltraumphysik IRF aufgerufen und die Messwerte des Magnetometers live verfolgt, um zu begreifen was da vor sich geht und daraus abzuleiten, wann Polarlichter zu sehen sein könnten.
Dieses Magnetometer in Kiruna ist das wichtigste in Europa, vielleicht sogar der ganzen Erde. Hier wird permanent (unter anderem) die Aktivität des Erdmagnetfelds gemessen und interessante Erkenntnisse über die Vorgänge in unserer Atmosphäre gewonnen.

Und an diesem Abend waren wir auf dem Weg nach Kiruna. Auf den letzten Kilometern hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Diese Fahrt war ein Genuss! Genau so hatte ich mir das in etwa vorgestellt. Auf einer dick verschneiten Straße im Dunkeln langsam durch Kiruna zu rollen. Der Subaru dreckig wie Sau und die Radkästen so vereist, dass nur noch langgezogene Kurven möglich waren.
So sind wir am Magnetometer vorbeigerollt, danach gemütlich durch die Stadt und schließlich auf einen Campingplatz.
Der Stellplatz war umgeben von hohem Schnee, alles tiefgefroren. Wir waren glücklich.

Auf dem Campingplatz in Kiruna.

Den Umbau zum Schlafwagen haben wir in Rekordzeit geschafft. Gegessen haben wir nichts mehr, so müde waren wir.
Geschlafen haben wir drei wie die Murmeltiere. Sabrina und ich in dicken Schlafsäcken, Filou unter seiner Fleecedecke.
Am nächsten Morgen -15°C! Arschkalt nach dem Aufstehen, aber einfach nur herrlich.

Müssen wir wirklich aufstehen?

Nach einer heißen Dusche und einem ordentlichen Frühstück in der Gemeinschaftsküche auf dem Campingplatz, sind wir zum Magnetometer und danach noch zum IRF gefahren. Den Raketenstartplatz Esrange und die Bodenstation Kiruna der ESA konnten wir nicht mehr besuchen, dafür wäre die Zeit einfach zu knapp gewesen. Wir wollten an diesem Tag schließlich noch das nördlichste Ziel dieser Reise, den Rand der Arktis, erreichen.
Und so sind wir zum Abschied noch eine Runde durch Kiruna gedreht, haben den Subaru vollgetankt und waren kurze Zeit später auf der E10 nach Nordwesten unterwegs. Von Kiruna bis zur Grenze nach Norwegen waren es nur noch etwas mehr als 100km.
Ein Großteil der Strecke verläuft entlang des Torneträsk, einem der großen Seen im Hohen Norden. Man fährt meistens einige Meter über dem Seeniveau und hat einen atemberaubenden Blick über das zugefrorene Gewässer. Ab und zu sieht man in der Ferne ein Schneemobil über die Eiswüste fahren, ansonsten ist alles um uns herum Weiß.
Gleich nach dem Torneträsk überqueren wir das Skandinavische Gebirge und legen an der Zollstation Björnfjell eine kurze Pause ein.
Ohne Hund könnte man hier einfach durchfahren, die Grenze ist offen. Aber da wir Filou dabei haben, ist ein kurzer Stopp nötig. Die Anmeldung ging wirklich flott und nach nicht einmal 2 Minuten war die Sache erledigt.
Kurz darauf ging es bergab. Die Küste war nur noch 30 Kilometer von uns entfernt und innerhalb kürzester Zeit änderte sich das Klima deutlich. Waren wir kurz zuvor noch im tief vereisten Lappland, so wehte uns wenig später eine relativ warme Brise entgegen und die Straße war auf manchen Abschnitten komplett schneefrei.
Deutlicher als hier oben kann man die Auswirkungen des warmen Golfstroms kaum erleben. Ohne diese globale Heizung wäre es auf der norwegischen Seite kaum wärmer als in Lappland und das Meer würde jedes Jahr zufrieren, wie die Barentssee. Durch den Golfstrom, der warmes Meerwasser aus der Karibik über den Atlantik befördert und über den Nordatlantikstrom und anschließend weiter über den Norwegischen Strom bis an die nördlichste Küste Norwegens transportiert, kann man es hier gut aushalten.

Verkehr in Kiruna.

Eine Forschungsrakete am IRF in Kiruna.

Entlang des Torneträsk nach Westen.

Nördlich von Narvik ist die E10 schließlich zu Ende und wir biegen auf die Europastraße 6 nach Norden ab. Unser Ziel ist ein kleiner Campingplatz auf der Insel Senja. Dort haben wir nach einem kurzen Telefonat die Zusage bekommen, dass wir heute Abend eine warme Hütte zum übernachten haben können.
Jetzt fühlt sich das nach Endspurt an! Es geht auf und ab, teilweise über recht steile Berge. Und zwischendurch sieht man immer mal wieder kurz das Europäische Nordmeer. Gebirge und Meer, dicht beieinander. Ein Traum!

Irgendwann sind wir in Finnsnes, einer kleineren Stadt auf dem Festland. Hier verbindet die Gisundbrücke das Festland mit der Insel Senja.
Senja ist die zweitgrößte Insel Norwegens und mit ca. 1.600km² Fläche etwas mehr als halb so groß wie das Saarland. Im Saarland leben fast genau 1 Million Menschen, auf Senja sind es weniger als Achttausend.
Als wir über die Brücke fahren und die wilde und raue Landschaft Senjas vor uns sehen, hören wir „Enya – Orinoco Flow“. Auf Kassette! Wie sich das für einen Roadtrip mit einem Youngtimer gehört. Fast schon zu schnulzig.
Wir sind glücklich, Filou schnarcht hinten und die letzten Kilometer entlang der Küste sind zum genießen. Eine halbe Stunde übers Eis, vorbei an zugefrorenen Buchten und einzelnen hübschen Holzhäusern in Rot, Gelb und Grün. Bunte kleine Sprenkel in einer ansonsten fast unberührten weißen Berglandschaft. In der Ferne sehen wir manchmal vereinzelt Rentiere und dann sind wir auch schon da, auf dem kleinen Campingplatz „Fjordbotn“ im Norden der Insel.

Angekommen auf Senja!

Der Besitzer hat die gemütliche Hütte für uns vorgeheizt, der Subaru ist schnell ausgeladen. Wir ziehen uns warm an, der Schnee knirscht unter den Füßen und dann stehen wir einen Steinwurf von der Hütte entfernt am Strand und realisieren so langsam, dass wir wirklich hier sind. Außer uns sind keine weiteren Gäste da. Der Strand, er ist voll mit Eisschollen. Auf der anderen Seite des Fjords ragen spitze, hohe Berge empor. Alles ist tiefgefroren und weiß.
Hier oben, am nördlichen Ende von Senja ist er also, der Rand der Arktis. Hier stehen wir nun, sind happy, spielen mit Filou im Schnee und loben den Subaru. Ohne das geringste Problem hat dieser 24 Jahre alte Japanische Allradler uns über Eispisten und Berge hier hergebracht.

Filou im Schnee.

Der Strand vor unserer Hütte auf Senja.

Hinter uns liegen 2.842 Kilometer. Davon haben wir 443km mit dem Fährschiff zurückgelegt und 2.399km auf eigener Achse. Etwa drei Viertel der Strecke war Landstraße und fast die Hälfte davon vereist oder verschneit. Der Subaru hat sich dabei wohlgefühlt und wir ebenfalls.

Vier Tage haben wir für diese Strecke gebraucht. Ab jetzt nehmen wir das Tempo raus, werden Senja erkunden und dann ganz langsam nach Süden fahren und Norwegen kennenlernen…

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