„Zeit ist relativ“, hat einmal ein schlauer Mann gesagt. Und wenn wir diesen Satz für einen Moment abseits der Astrophysik auf uns wirken lassen, steckt so einiges an Erkenntnis darin, finde ich.
Vor einigen Jahren haben meine Schwester und ich mal einen halben Abend lang über die Zeit philosophiert. Wie viel man davon wohl braucht, um auf ein erfülltes Leben zurückblicken zu können? Wie schnell oder auch langsam sie dem Gefühl nach vergeht, je nachdem ob man gerade im Hamsterrad rennt oder das Abenteuer seines Lebens erlebt.
Zeit spielt ständig eine Rolle, eine viel größere sogar, als wir im Alltag bemerken. Es gibt ohne Ende Sprichwörter: Eine gute Zeit haben, Zeit ist Geld, Zeit verplempern, Zeit gewinnen…
Seit dem letzten Beitrag hier ist ziemlich viel Zeit vergangen, ein Jahr und acht Monate, um genau zu sein.
Wir hatten viel zu tun und es ging uns zunächst extrem gut hier oben am Polarkreis. Sabrina hat ihre Aufgabe gefunden, ich meine ebenfalls und Filou konnte seine neue Freiheit genießen.
Vor etwas über einem Jahr ist dann unsere Welt aus den Fugen geraten. Meiner Schwester ging es aus ungeklärten Gründen immer schlechter und irgendwann wurde bei einer Untersuchung etwas ungewöhnliches in der Nähe ihrer Lunge gefunden. Es sah zuerst nach einer kleinen Sache aus, nichts großes, nicht direkt in der Lunge, aber sehr dicht dran. „Machen Sie sich keine Sorgen, das sieht ziemlich gut aus. Aber wir schicken es zur Sicherheit ein.“ hieß es nach der OP.
Einige Tage später kam der Laborbefund, der uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Es war leider keine kleine Sache, sondern Krebs, genauer gesagt ein Adenokarzinom.
Diese Diagnose hat alles auf den Kopf gestellt. Am Anfang war der Schock, dann sehr viel Bewegung. Alle wollten helfen, es folgte Untersuchung auf Untersuchung. Mit jedem Bericht wurde die Diagnose ungünstiger. Am Ende war klar, dass fast der gesamte Körper von Metastasen befallen war und die Krebszellen sich bereits ungünstig genetisch verändert hatten.
Eine Therapie war möglich, aber statistisch gesehen gab es im Grunde genommen keine Chance auf Leben, die über einen Sechser im Lotto hinausgeht.
Das akzeptieren zu müssen, war eigentlich das Schlimmste. Das Schlimmste für meine Schwester und für alle Menschen, die sie gern hatten.
Wir haben uns trotzdem von Strohhalm zu Strohhalm gehangelt, aber irgendwann gab es da keine Strohhalme mehr. Es wurde ruhiger, Nicole hat mit der Therapie gegen den Krebs angefangen, die Weihnachtszeit kam und einen Tag vor Heiligabend war ich mit dem Gästezimmer fertig. Meine Schwester hatte Polarlichter auf ihrer Bucketlist und ich war sicher, das kriegen wir hin.
Sie hat ein Projekt aus der Krankheit gemacht. Es war ihr neuer „Job“ und sie wollte ihn richtig machen. Sie war ehrgeizig, hat sich reingehangen, wollte den Krebs besiegen.
Kurz vor Jahresende ging es ihr sehr schlecht und sie musste ins Krankenhaus. Innerhalb einer Woche wurde sie dreimal am Gehirn operiert. Selbst in dieser Phase war sie noch gut gelaunt und optimistisch. Kurz nachdem sie aus dem Koma aufgewacht war, hat sie noch Witze über die Gesamtsituation gemacht. Das war das letzte Mal, dass sie mit mir geredet hat. Am selben Tag ist sie wieder ins Koma gefallen.
Vom Tag der Diagnose bis zum Tag an dem sie gestorben ist, hatten wir Sieben Wochen Zeit.
Sieben Wochen um alles zu versuchen, um alles zu regeln. Sieben Wochen für alle Menschen die sie geliebt hat. Sieben Wochen für sich.
Was mir Nicole bedeutet hat, kann ich nicht in Worte fassen. Sie würden ihr nicht gerecht werden.
Als wir an diesem Abend vor vielen Jahren zum Ende unserer philosophischen Diskussion kamen, da waren wir uns einig darüber, dass es keine Rolle spielt, wie viel Zeit man hat, sondern dass es nur darauf ankommt, wie viel Bedeutsames man in diese Zeit hinein packt.
Damals hat sich das leicht gesagt.





