Kein Land in Sicht

DCIM100MEDIAAm 2. Juli morgens um 7 Uhr haben wir uns nach einigen Tagen wieder von Boulogne Sur Mer getrennt. Die Wettervorhersage für die nächsten 2 Tage hat endlich gepasst. Warum 2 Tage? Weil wir diesmal einen etwas längeren Törn geplant hatten und Nonstop bis nach Cherbourg fahren wollten. Wir waren ziemlich aufgeregt, als wir uns so langsam aus dem Hafen geschlichen haben. Die folgende Nacht würde unsere erste auf See werden, weit draussen, ohne Sicht auf Land oder Leuchtfeuer.

Der Tag verlief dann eher ruhig, mit wenig Wind von achtern. Die ersten paar Stunden wurden wir noch vom Gezeitenstrom angeschoben und sind nur mit Motor gefahren. Erst gegen Mittag konnten wir die Segel setzen, dann allerdings auch nahezu unverändert bis Abends stehen lassen.
Nach dem Abendessen, Sabrina hat Spaghetti Bolognese bei leichtem Seegang gezaubert, habe ich mich etwas hingelegt und Sabrina hat die Wache übernommen. Am späten Abend sind wir dann gemeinsam in den Sonnenuntergang gefahren. Nur wir beide und Eos. Bis zum Horizont niemand und kein Land in Sicht. Wir hatten im Vorfeld ein bisschen Bammel vor dieser Phase. Aussteigen ist ja dann nicht mehr.
Jetzt wollt ihr wahrscheinlich wissen, wie sich das anfühlt, mutterseelenallein auf hoher See zu sein. Wir haben lange überlegt, wie wir das am besten beschreiben können, aber es ist wirklich schwierig, dafür die richtigen Worte zu finden. Jedenfalls waren an diesem Abend und am nächsten Tag öfters mal Freudentränchen in unseren Augen und wir hatten das Gefühl, angekommen zu sein, genau am richtigen Fleck zu sein und das Richtige zu tun. Die Isolation war irgendwie befreiend, die Weite beeindruckend.

Sabrina ist gegen 23 Uhr schlafen gegangen und ich habe die Nachtwache übernommen. Der Mond ist sehr früh untergegangen und die leichte Bewölkung hat sich immer mehr aufgelöst. Obwohl die Sonne ja in dieser Jahreszeit nicht besonders weit unter den Horizont wandert und folglich immernoch minimale Resthelligkeit vorhanden ist, war das trotzdem mit Abstand der dunkelste Ort, an dem ich mich jemals befunden habe. Für mich als kleiner Hobbyastronom war dieser Anblick schon sehr überwältigend. So hell und ausgeprägt hab ich die Milchstrasse noch nie gesehen. Am liebsten hätte ich die Instrumentenbeleuchtung im Cockpit und die Positionslichter ausgeschaltet, damit es noch dunkler ist.
Irgendwann habe ich dann während meiner Wache in der Ferne die Positionslichter eines anderen Schiffs entdeckt. Der Blick durchs Fernglas deutete schon an, dass es knapp werden könnte. Also schnell in die Kajüte und aufs AIS geschaut. Und tatsächlich, es lag zwar noch kein Kollisionskurs an (dann wäre auch ein unüberhörbarer Alarmton ausgelöst worden), aber es würde wirklich sehr eng werden. Bevor ich allerdings Geschwindigkeit oder Kurs ändern konnte, hat doch tatsächlich die ANL Warringa, ein Containerfrachter von der Größe der Titanic, seine komplette Decksbeleuchtung eingeschaltet und den Kurs für unsere kleine Eos geändert. Ich war wirklich etwas baff. Nachdem der Riese in knapp einer Seemeile Entfernung vor unserem Bug vorbeigefahren war, wurde es wieder dunkel und ich habe nur noch die winzigen Positionslichter gesehen. Während ich dann so im Cockpit saß und überlegt habe, ob ich mich per Seefunk bedanken sollte oder nicht, fiel mir kurze Zeit später ein Gebilde an Steuerbord auf, das ich nicht so recht interpretieren konnte. Es war ja wirklich stockduster, spiegelglattes Wasser und kaum ein Horizont auszumachen. Lange musste ich allerdings nicht auf die Auflösung warten und wenn ich jetzt so darüber schreibe, zieht es immernoch leicht in der Magengegend. Das Ding, was sich da unaufhörlich auf Eos zubewegte, war die Bugwelle der ANL Warringa. Der Anblick dieser Bugwelle hat mich kurzzeitig wirklich geschockt, vor allem, weil sie sich Steuerbord querab, also genau von der Seite auf uns zubewegte und dabei bereits brach. Ich wollte noch den Autopiloten auskuppeln und beidrehen, aber dafür war es schon zu spät. Also hab ich mich nur hingesetzt und irgendwie festgekrallt so gut ich konnte. Im nächsten Moment lag Eos auf der Seite. Die Krängung war enorm. In der Kajüte hat es nur so gescheppert. Einen Augenblick später war der Spuk vorbei. Sabrina hat glücklicherweise auf der Backbordseite geschlafen und ist deshalb nicht durch die Gegend gerollt. Wach geworden ist sie nur durch den Lärm und hat sich erstmal gewundert, warum überall Bücher und Obst neben ihr liegen. Selbst die Sachen aus dem tiefen Waschbecken lagen auf dem Boden und die übriggebliebene Bolognese auf unseren Polstern. Die Flecken haben wir aber mittlerweile wieder raus und das blöde Gefühl im Magen lässt auch langsam nach. Und was haben wir daraus gelernt? 260 Meter Schiff und 15 Knoten Fahrt macht gute Welle für Surfer, aber schlechte Welle für kleine Eos!

Wie es weiter ging? Wir haben das Chaos aufgeräumt und Sabrina hat danach wieder geschlafen wie ein Murmeltier. Ich war bis halb Fünf morgens im Cockpit und hab Wache gehalten und Sterne geguckt. Danach haben wir gefrühstückt und ich bin anschließend ein paar Stunden schlafen gegangen, während Sabrina unsere Eos auf Kurs gehalten hat.
Bis zum späten Vormittag sind wir gut voran gekommen, danach ist der Gezeitenstrom gekippt und hat uns mit bis zu 4 Knoten ordentlich was entgegengesetzt. In dieser Phase ging es eigentlich nur noch darum, mit ein paar Kreuzschlägen die Position einigermaßen zu halten, um nicht zurückversetzt zu werden. Sieht man auch ganz gut an der komischen Zickzacklinie im aufgezeichneten Track. Wir konnten bis auf ein kurzes Stück aber fast den ganzen Tag bei 3 bis 4 Beaufort wunderbar segeln und haben um 18:51 Uhr die Leinen in Cherbourg festgemacht. Die Bilanz dieser Etappe: 149,7 Seemeilen in 35 Stunden. Trotz des Zwischenfalls mit der unangenehmen Bugwelle war diese Etappe die bisher schönste.

Hier in Cherbourg ist ganz schön was los. Der Yachthafen ist rappelvoll, Livebands spielen und es wird gefeiert. Man feiert das Einlaufen der Segelyachten einer Einhandregatta, der „Solitaire du Figaro“. Da ist hier fast eine ganze Woche Ausnahmezustand. Gefällt uns.

Kommentare sind geschlossen