Gestrandet

Nordsee im Winter

Kurz bevor das Jahr 2021 zu Ende war, haben wir es tatsächlich noch geschafft, für einen kurzen Moment das Meer zu sehen.
Zwei Tage waren wir an der Nordseeküste in Holland unterwegs. Möglich wurde der Kurztrip durch ein Ereignis, auf das wir seit vielen Jahren hingefiebert haben:
Wir haben ein Overlander-Basisfahrzeug gekauft! Eins, das man auf den ersten Blick überhaupt nicht als solches erkennt. Es sieht aus, wie ein ganz normaler Kombi. Ganz unschuldig und bieder kommt es daher.
Die Idee, mit einem „Overlander“, also einem Universalfahrzeug mit Campingausrüstung, hin und wieder das Land unsicher zu machen, geht zurück auf die Zeit, als wir mit Eos das ein oder andere mal in Häfen festhingen.
Damals haben wir beschlossen: Eines Tages kaufen wir uns so ein Ding und bauen die Kiste für längere Trips an Land um! So, dass man möglichst günstig und unabhängig von Unterkünften unterwegs sein kann.

Vor gerade einmal vier Wochen haben wir nun endlich dieses Fahrzeug gefunden. Seit einer gefühlten Ewigkeit haben wir den Markt abgegrast, waren oft bei Autohändlern, haben vieles ausprobiert und uns mit den verschiedensten Leuten kurzgeschlossen und manche vielleicht auch mit unserer Unentschlossenheit genervt.
Lange waren wir beim Landrover Defender, dann beim Toyota Landcruiser, dann beim Volkswagen T5, dann beim T4, dann bei Mitsubishi, bei Nissan, Suzuki, auch bei Hanomag, beim Unimog…
Um es kurz zu machen, wir haben uns mit praktisch jedem Fahrzeug auseinandergesetzt, welches auch nur annähernd in die Kategorie „Overlander“ passt. Also Fahrzeuge, die universell einsetzbar sind und für Langzeitreisen taugen.
Am Ende war dann klar, dass es für uns ein Allradler sein muss. Da wir aber festgestellt haben, dass die meisten Overlander eher selten richtig Offroad fahren, hatten wir lange ein Entscheidungsproblem. Eigentlich brauchen die meisten Leute den vollwertigen Offroader a lá Defender und Co. fast nie. Es gibt natürlich Ausnahmen und da macht er auch Sinn. Bei uns wäre es aber so, dass wir die meiste Zeit auf Asphalt fahren werden.
Und da ist uns ein guter CW-Wert und geringer Spritverbrauch extrem wichtig. Das kollidiert jedoch mit den meisten SUVs.
Und so hatten wir lange ein Problem, bis ich mich an einen Autohersteller erinnert habe, der mir aus meiner Motorsportzeit in extrem guter Erinnerung geblieben ist. Ein Autohersteller, der robuste Allradfahrzeuge baut, die wie ganz normale Limousinen oder Kombis konzipiert sind. Ich bin lange vor dem Segeln ziemlich aktiv in der Motorsportszene gewesen, selbst oft auf der Nürburgring-Nordschleife gefahren und war eine Saison Mechaniker bei einem Team im Renault Clio Cup.
In dieser Zeit gab es auf Rundkursen und Rallyes zwei Benchmarks, die in Sachen Fahrleistung und Konzept des Antriebsstrangs wirklich herausgestochen sind. Das waren die Audi Quattros und der Subaru Impreza!

Den Quattros begegnet man auch heute hin und wieder als zahme Alltagsfahrzeuge auf der Strasse, die Subarus sieht man jedoch so selten, dass ich sie völlig vergessen hatte. Subaru hat in Deutschland einen Marktanteil von gerade einmal knapp 0,2%. Also nix!
Warum das so ist, lässt sich aus zweierlei Gründen durchaus nachvollziehen. Zum einen benötigen die wenigsten Menschen einen Allrad-Pkw und zum anderen hat Subaru schon immer so gebaut, dass Funktion vor Design kommt. Subarus gewinnen deshalb eher selten einen Schönheitswettbewerb und für Händler sind sie auch nicht sonderlich interessant, weil fast nie etwas an den Autos aus Japan kaputt geht.
Was die Technik angeht, so ist der Allradantrieb von Subaru der Benchmark in seiner Klasse. Es ist der einzige vollkommen symmetrisch aufgebaute permanente Allradantrieb für PKWs. Subaru baut (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich Allradfahrzeuge mit Boxermotor, weil sich nur mit diesem Motor ein idealer AWD-Antriebsstrang mit niedrigem Schwerpunkt und guter Gewichtsverteilung in einem klassischen Pkw aufbauen lässt.

Vor etwa einem halben Jahr haben wir dann endgültig zu Gunsten von Subaru entschieden. Mir gefielen die Autos zu dem Zeitpunkt optisch überhaupt nicht. Aber ich bin ja ein Vernunftsmensch.
Sabrina steht sowieso auf japanische Autos und alles was mit Japan auch nur im entferntesten zu tun hat. Sie hatte sich deshalb bereits früh in die Subarus verliebt.
Lange waren wir dann nicht sicher, ob es ein Legacy sein sollte, oder ein Forester. Irgendwann hat sich der Legacy durchgesetzt, weil er für uns einfach den größten Nutzwert hat. Er braucht weniger Benzin als der Forester und bietet mehr Platz im Innenraum. Das ist für uns extrem wichtig, weil wir den Innenraum zum modularen Schlafraum umfunktionieren werden. Ein Dachzelt, wie es viele Overlander haben, ist für uns (unter anderem) wegen Filou suboptimal. Also werden wir die Klamotten in der Dachbox transportieren und das Bett ist im Auto. Dazu eignet sich der Legacy ziemlich gut. Er hat bei umgeklappter Rücksitzbank eine ebene Fläche von 120x200cm, ohne das dazu die Vordersitze verschoben oder gekippt werden müssen.

Tja, nur so ein Legacy musste erst mal gefunden werden!
Wir wollten unbedingt einen Legacy II haben. Der gefällt uns von allen am besten und besitzt eine Technik, die unterwegs auch noch gut zu reparieren ist.
Daneben sollte er möglichst wenige Vorbesitzer haben und auch nicht allzu viele Kilometer auf dem Tacho. Und da wurde es schwierig. Die meisten hatten weit über 200.000km runter, viele über 300.000. Das wäre nicht einmal ein großes Problem gewesen, da die Motoren sehr haltbar sind.
Problematisch werden hohe Laufleistungen mit vielen Vorbesitzern, weil dann einfach davon ausgegangen werden muss, dass da der ein oder andere dabei war, der die Karre kalt getreten hat. Und das ist (bei jedem Auto) ganz, ganz schlecht.

Um es kurz zu machen: Vor etwa vier Wochen haben wir die Nadel im Heuhaufen gefunden! Ein Subaru Legacy II, Baujahr 1998 (letztes Modelljahr), ERSTE Hand, 110.000km gelaufen, überwiegend in der Garage geparkt.
Die Vorbesitzerin hatte den Subaru vor 23 Jahren neu gekauft und über all die Jahre ziemlich gut behandelt. Der Lack sieht, bis auf ein paar Macken durch Parkrempler auf der rechten Seite, erstklassig aus.
Der Innenraum wirkt so, als wäre das Auto erst letzte Woche ausgeliefert worden. Die Polster sind wie neu, Lenkrad und Schalthebel nicht abgegriffen. Ein richtig schicker Youngtimer.
Er braucht noch ein bisschen Aufmerksamkeit hier und da, aber im Kern steht er sehr gut da mit 2 Jahren TÜV.

Dachträger, Dachbox und einen Satz Winterräder auf Original Subaru Stahlfelgen hatte ich kurz vor Weihnachten noch günstig über ein bekanntes Kleinanzeigen-Portal organisiert.
– Räder = 29€
– Relingträger = 15€
– Dachbox = 25€
– ein bisschen Offroad fahren = unbezahlbar

Und keine Angst, in den Subaru kommt kein E-Motor rein. Dieses Japanische Triebwerk ist mir heilig!

Und was wollen wir damit?

Wir brauchen den Subaru als Universalauto, nicht nur als reinen Overlander. Mit ihm werde ich demnächst einige Male den Trabant auf einem Anhänger transportieren müssen. Dann haben wir den ein oder anderen Ausflug vor, wenn für eine Schiffsreise nicht genug Zeit zur Verfügung steht.

Den ersten Test hat der Subaru jedenfalls bestanden. Die Bedingungen waren die denkbar schlechtesten für so einen Test, denn es waren 2 Tage Sturm und Dauerregen angesagt. Noch dazu ist gerade Winter, Covid-19 schränkt ein und das Auto war nur zum Teil fertig. Aber es hat funktioniert und Spaß gemacht.
Gestartet sind wir in Rees am 28. Dezember und sind auf direktem Weg ans Meer in Richtung Hellevoetsluis gefahren. An diesem Ort sind wir zuletzt im Sommer 2014 gewesen, als wir mit Eos zum ersten Mal raus auf die Nordsee gesegelt sind.
Diesmal waren wir als Landratten hier und wollten eigentlich ein wenig auf unseren eigenen Spuren wandern. Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass die Niederländer eine größere Vorliebe fürs illegale Vorknallen haben, als die Deutschen.
Für Tierhalter ist das Geballer zwar oft stressig, aber auf die wenigen Stunden um den Jahreswechsel kann man sich einstellen.
Was ich aber hasse wie die Pest ist, wenn Tage vorher unvermittelt ein Polenböller in der Nähe meines Hundes hochgeht. Da wird auch meine Zündschnur kurz…
Aber aufregen bringt in so einer Situation wenig, also haben wir den Ausflug nach Hellevoetsluis abgebrochen, bevor er richtig begonnen hat.
Das Meer war schließlich nicht weit weg und Filou war nach einer Weile Angstzittern wieder der Alte.
Auf dem dünn besiedelten Land, südwestlich von Stellendam hat man nur hin und wieder in der Ferne einen Knall gehört. Damit kommt Filou mittlerweile gut klar. Da lauscht er nur kurz und ist im nächsten Moment wieder entspannt.
Am frühen Abend sind wir auf einen kleinen Campingplatz direkt hinter den Dünen gefahren. Viel los war hier nicht. Gerade einmal 5 weitere Wohnmobile standen verteilt auf der Wiese. Der Subaru war in wenigen Minuten zum Campingmobil umgebaut und das Abendessen bestand aus einem Baguette und ein paar kalten Würstchen. Filou hatte natürlich sein gewohntes Futter dabei.

Danach ging es früh ins Bett und wir waren gespannt, wie es sich in so einem Microcamper bei 7°C Außentemperatur und Sturm schläft.
Die Scheibenisolation hatte ich in den wenigen Tagen nach dem Autokauf relativ schnell fertig. Der Innenausbau ist teilweise noch provisorisch. Die Matratze ist 8cm dick und recht hochwertig. Sie ist bereits ans Fahrzeug angepasst und zweigeteilt.
Sabrina und ich hatten jeweils einen ordentlichen Winterschlafsack und Filou musste sich zwischen uns einkringeln. Dann wurde er mit seiner Fleecedecke zugedeckt und war nach wenigen Augenblicken bereits im Land der Träume. Uns ging es nicht viel anders.
Gefroren haben wir nicht, im Gegenteil. Nachts habe ich zweimal für ein paar Minuten die Seitentür geöffnet, um frische, kühle Luft ins Auto zu lassen.

Morgens auf dem Campingplatz.

Am nächsten morgen waren wir gut ausgeschlafen, haben gefrühstückt und sind anschließend noch einmal an den Nordseestrand gefahren.
Viel los war hier nicht. Das Wetter war auch nicht sonderlich einladend, mit Sturm und tiefhängenden Wolken. Uns hat es trotzdem gefallen und Filou war froh, endlich wieder ein bisschen im Sand spielen zu können.

Und so sind wir eine ganze Weile durch den feinen Sand gestapft, bis wir in der Ferne etwas gesehen haben, was aussah wie ein Seehund. Umso näher wir an das Unbekannte Etwas kamen, umso mehr sah es nach Seehund aus.
Irgendwann waren wir uns sicher, es ist tatsächlich ein Seehund, der hier im Sand liegt und wahrscheinlich im Sturm gestrandet ist und nun eine Pause braucht.
Was mich allerdings gewundert hat, war das helle Fell, das so überhaupt nicht zur Größe passte. Für mich sah das Tier nach einem ausgewachsenen Seehund aus.
Deshalb hatte ich mich auch gewundert, dass eine Frau in der Nähe mit der Seehundrettung telefonierte. Ja, in Holland gibt es tatsächlich eine Notrufnummer, die mit der Seehundrettung verbunden ist. Es ist die 144. Dort kann man anrufen, wenn man einen Seehund in Not gesichtet hat.
Auf uns Laien wirkte das Tier aufgrund der Größe jedoch nicht so, als wenn es in Not wäre. Aber wir sind schließlich nur Laien und die Frau mit dem Telefon verstand definitiv mehr von Robben als wir. Was ihr allerdings nicht gelang, war eine Positionsbestimmung und die Verständigung war aufgrund der Sprachbarriere auch eher schwierig. Also hielt sie mir ihr Telefon ans Ohr und der Mensch am anderen Ende der Leitung gab mir auf Englisch zu verstehen, dass man Breiten- und Längengrad benötigt, um Hilfe zu schicken.
Für mich war eine Positionsbestimmung mittels GPS kein Problem, auch nicht, wie man sie korrekt weitergibt. Ich kann allerdings gut nachvollziehen, dass viele damit überfordert sind, weil man so etwas im Alltag einfach nicht macht. Für uns Segler sind Längen- und Breitengrade jedoch überlebenswichtig und so war die Position der Robbe mit dem ersten guten GPS-Fix in weniger als einer Minute bestimmt und durchgegeben. Benutzt habe ich dazu mein 8 Jahre altes Smartphone. Fast jedes moderne Gerät hat heute einen GPS-Empfänger eingebaut. Sich damit einmal auseinanderzusetzen kann ich jedem nur ans Herz legen. Nicht immer kann man im Notfall eine Adresse nennen.
Wir hatten somit also unseren Teil zur Rettungsaktion beigetragen und sind nach ein paar Fotos aus großem Abstand weitergegangen um das Tier nicht zu verunsichern. Ich war froh, an diesem Tag das 300mm Objektiv mitgenommen zu haben. Normalerweise schleppe ich das fast nie mit.


Als wir schließlich zurück am Auto waren, kam tatsächlich ein Einsatzfahrzeug der Tierrettung mit Sondersignalen an uns vorbei und fuhr zum Strand, an dem die Robbe lag. Wir waren natürlich froh, dass die Position korrekt angekommen ist und haben uns nach einem kleinen Abstecher zum Hafen in Stellendam auf den Weg zurück nach Hause gemacht.
Erst hier haben wir nach Sichtung der Fotos und etwas Recherche herausgefunden, dass es sich bei der Robbe nicht (wie von uns vermutet) um einen ausgewachsenen Seehund mit ungewöhnlich hellem Fell gehandelt hat, sondern um eine seltene Kegelrobbe. Ausgewachsene Kegelrobben werden bis zu 300kg schwer und 2,5m lang. Das hier war also tatsächlich ein gestrandetes Jungtier, das möglicherweise wirklich Hilfe brauchte. Noch dazu gehört es zu einer Robbenart, von denen es an der Nordsee nur ganz wenige gibt.
Kegelrobben wurden über mehrere Jahrhunderte von Fischern gezielt getötet, weil sie als Konkurrenz gewertet wurden. Die Bestände waren in der Mitte des letzten Jahrhunderts nur noch so gering, das Kegelrobben in der Nordsee praktisch ausgerottet waren. Erholt haben sich die Bestände bis heute nicht, aber an unzugänglichen Küstenabschnitten der britischen Inseln haben einige kleine Kolonien überlebt. Von dort kommen ab und zu Kegelrobben an die Niederländische Küste und ganz langsam nimmt ihre Zahl wieder zu, auch weil in Holland enorme Anstrengungen unternommen werden, die wenigen Kegelrobben zu schützen und die Jungtiere zu versorgen.
Und so bleibt zu hoffen, dass die Anzahl der Kegelrobben weiter zunimmt und man eines Tages wieder Kolonien von ihnen am Strand sehen kann.

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